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12.06.08 18:59 Alter: 4 Jahr(e)

"Männern die Angst nehmen"

Kategorie: DJJV, Frauen-SV

Von: Enno Häberlein

Seit zwölf Jahren hält Ju-Jutsu-Trainerin Gisela Hauprichs Selbstverteidigungskurse für Frauen. Doch der Kurs, den sie gerade zum Abschluss gebracht hat, ist etwas ganz Besonderes: Es ist einer der ersten Selbstverteidigungskurse speziell für muslimische Frauen in Deutschland.

Der Angriff kommt überraschend. Ohne Vorwarnung springt ein Mann auf die 30-jährige A. zu, packt die zierliche Frau und versucht sie wegzuschleppen. Doch A. macht es dem Angreifer nicht einfach: Sie wehrt sich, schlägt ihm mit den Händen ins Gesicht, reißt sich los und läuft schreiend weg.  

 

"Absolute Ausnahme"

A. hat ihre Sache gut gemacht. Die Frau mit dem schwarzen traditionellen Gewand und dem Kopftuch hat gezeigt, was sie in den vergangenen zwölf Wochen gelernt hat - in dem ersten Selbstverteidigungskurs speziell für muslimische Frauen in Saarbrücken. Der Kurs, der gemeinsam von der Islamischen Gemeinde Saarland (IGS) mit der saarländischen Polizei veranstaltet wurde, leistet Pionierarbeit in Sachen Selbstverteidigung für muslimische Frauen.

"Das ist eine sehr außergewöhnliche Sache, nahezu ein Einzelfall in Deutschland", sagt Nurhan Soykan, Pressereferentin vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. Selbstverteidigung speziell für muslimische Frauen sei noch eine absolute Ausnahme, sagt sie. Der Hauptgrund hierfür sei die Anwesenheit eines männlichen Trainers. Nurhan Soykan: "Im Islam ist den Frauen Kontakt zu Männern außerhalb der Verwandtschaft verboten." Daher bliebe gerade streng religiösen Frauen der Zugang zu solchen Kursen verwehrt.

 

"Männern die Angst nehmen"

Auch bei dem Kurs in Saarbrücken verursachte die Anwesenheit von Gisela Hauprichs' Trainerkollege Stefan Müller im Vorfeld Probleme. "Wir mussten den Vertretern der Islamischen Gemeinde plausibel erklären, warum Stefan und ich den Kurs nur zusammen halten. Es war wichtig, dass sie akzeptiert haben, dass Stefan dabei bleibt. Denn eine männliche Person im Kurs ist einfach notwendig um das Ganze realitätsnah gestalten zu können," so die Trainerin.  

Die Islamische Gemeinde hat dann trotz anfänglicher Bedenken zugestimmt. "Wir haben uns bemüht, den Männern in unserer Gemeinde die Angst davor zu nehmen, dass ihre Frauen in dem Kurs Kontakt zu Männern haben, erklärt Abdel-Rahim Ahmad, der stellvertretende Vorsitzende der IGS. "Es ist doch besser, sie üben hier im Training, wie sie sich richtig verhalten, als dass sie auf der Straße unvorbereitet damit konfrontiert werden. Besser so, als dass eines Tages die Polizei bei mir läutet und sagt: "Ihre Frau ist vergewaltigt worden"."

Dennoch ist es dem Vorsitzenden nicht gelungen, alle Gemeindemitglieder von dem Kurs zu überzeugen. Am ersten Termin habe es "viele skeptische Gesichter" gegeben, sagt Trainerin Gisela Hauprichs. "Einige ältere Frauen haben sich zurückgezogen, als sie merkten, dass der Kurs von einem Mann und einer Frau zusammen geleitet wird."

 

Ohne Scheu zugeschlagen

Für die Frauen, die aber bis zum Ende dabei geblieben sind, hat Hauprichs viel Lob übrig: "Sie haben das sehr gut gemacht. Es gab überhaupt keinen Unterschied zu unseren anderen Kursen mit deutschen Frauen."

Mit besonderer Spannung und etwas Skepsis hatten die beiden Trainer vor allem den Tag erwartet, an dem die muslimischen Frauen mit einem Angreifer im Vollschutzanzug konfrontiert wurden. "Hier wird der absolute Ernstfall trainiert," sagt Gisela Hauprichs: "Dabei müssen die Frauen schon richtig zuschlagen und sich wehren. Zunächst dachten wir, die Frauen hätten vielleicht Hemmungen, weil sie ja wussten, dass in dem Anzug ein Mann steckt. Aber sie haben ohne Scheu auf ihn eingeschlagen. Selbst unser Komparse war erstaunt, wie heftig sie sich gegen ihn gewehrt haben."

 

Erstaunt über die eigene Kraft

Auch die Kursteilnehmerinnen waren selbst erstaunt von ihren Leistungen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Kraft habe", lacht die 30-jährige A., die von ihrem Mann zu dem Kurs angemeldet und dann vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Der 24-jährigen E. hat der Kurs nach eigener Aussage geholfen sicherer aufzutreten. "Vorher denkt man ja, man darf sich nicht wehren, weil man es damit vielleicht noch schlimmer macht. Aber jetzt weiß ich, wie ich mich verhalten muss. Ich laufe selbstbewusster durch die Stadt."

Eine Neuauflage des Kurses wünschen sich alle Beteiligten - auch der stellvertretende Vorsitzende der Islamischen Gemeinde. Dann möchte er, dass möglichst noch mehr Frauen aus der Gemeinde daran teilnehmen können. Dem älteren Mann, der neben ihm sitzt, knufft er freundschaftlich in die Seite. "Der hier," sagt Abdel-Rahim Ahmad, "der wollte auch nicht, dass seine Frau daran teilnimmt. Er hatte Angst, dass sie ihm hinterher auf die Nase haut." Beide Männer lachen.

Darauf, dass seine Gemeinde mit diesem Kurs ein Stück Pionierarbeit geleistet hat, ist Abdel-Rahim Ahmad sichtlich stolz und lächelt: "Wenn wir hier im kleinen Saarland damit anfangen, machen es vielleicht auch andere."

Text und Bild: heute-online