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21.03.09 10:22 Alter: 1 Jahr(e)

Prüfung mit Herz

Kategorie: DJJV, Behindertensport, Ju-Jutsu

Von: Enno Häberlein

Ulrich Seibold: 2. von rechts,Dr. Michael Renn: ganz rechts,Liegend: Heimtrainer und Prüfer Karl-Heinz Baatz

Ulrich Seibold: 2. von rechts,Dr. Michael Renn: ganz rechts,Liegend: Heimtrainer und Prüfer Karl-Heinz Baatz

Unter Leistungssport verstehen wir im DJJV e.V. in der Regel ein zielgerichtetes Training und das erfolgreiche Absolvieren von nationalen und internationalen Wettkämpfe in Duo- und Fightingsystem. Dass jedoch ein leistungsorientiertes Betreiben der Sportart Ju-Jutsu durchaus anders aussehen kann beweist die Prüfung zum 3. Kyu des Sportkameraden Ulrich Seibold vom SV Gifhorn. Nach einer schweren Herzoperation, welche nicht einmal drei Jahre zurück liegt, begann der 51-jährige ehemalige Kraftsportler mit Ju-Jutsu. Trotz schwieriger ärztlicher Prognose fing er bald an, seine persönlichen Grenzen auszuloten und neu zu definieren. Um alle Prüfungsteile an einem Termin absolvieren zu können, hieß es für ihn die koordinativen und konditionellen Anforderungen zu optimieren. Dabei war er in ständigem Austausch mit seinem Arzt, mit dem er zusammen Trainingsroutinen entwickelte, um sich selbst nicht zu gefährden.

Um diese Leistung wirklich nachvollziehen zu können möchte ich den Sportkameraden selber dieses sportliche Ereignis aus seiner subjektiven Sicht kommentieren lassen. Mir bleibt es Ulli Seibold von Herzen zu seiner bestandenen Gürtelprüfung zu gratulieren und ihm alles Gute für seine Zukunft zu wünschen.

Sascha Vetter

21.45 Uhr in der Sporthalle Adam – Riese Schule in Gifhorn

Geschafft !!!!!

Gerade hat der Prüfer Karl-Heinz Baatz 6.Dan JJ es kundgetan. Alle haben bestanden!
In diesem Augenblick konnte ich mich noch gar nicht richtig freuen - erst am übernächsten Tag -, denn ich war einfach viel zu erschöpft.

Rückblick:
Als bei mir im Frühjahr 2006 die Mitralklappe - das ist eine der vier Herzklappen - rekonstruiert werden musste, war die Aussage der behandelnden Ärzte eindeutig:
keinen Leistungssport mehr, nur noch leichte sportliche Betätigung, wie er in so genannten ambulanten Herzsportgruppen praktiziert wird. Und das nach einer fast 20 jährigen beruflichen Tätigkeit im Kraftsportbereich. Kein Eisen mehr, kein Pumpen…..das kann es doch nicht gewesen sein?! nur noch Herzsport???

Nach Entlassung aus dem Krankenhaus wurde ich in der Rehabilitationsklinik medikamentös u.a. mit Beta – Blockern eingestellt, die Belastungsintensität wurde wie üblich auf Ergometern ermittelt und als maximale Trainingsbelastung eine Herzfrequenz (HF) von 110 Schlägen pro Minute festgelegt. Wie schnell diese HF bei Ausübung sportlicher Tätigkeiten erreicht wird, brauche ich hier wohl niemandem zu erläutern.

Anpassungsvorgänge durch ein 4-mal wöchentlich ausgeführtes Lauftraining in Verbindung mit einem 3-mal wöchentlich ausgeübten differenzierten Krafttraining führten dazu, dass bei den nächsten ärztlichen Untersuchungen im Ergebnis die maximale Trainingsbelastung auf 130 Schläge pro Minute zugelassen werden konnte und die Dosis der Medikamente reduziert wurde.

Acht Monate nach der OP begann ich dann mit dem JJ-Training, vorsichtshalber erst einmal bei der „Seniorenriege 60+“  als „Nachwuchssportler“. Anfang 2007 kam der Trainer auf mich zu und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, mit der Erwachsenengruppe zu trainieren. Und so kam es wie es kommen musste: der Ehrgeiz war geweckt. Nach der Gelbgurtprüfung im Mai 2007 und der Orangegurtprüfung im März 2008 begann die Vorbereitung auf die Prüfung zum Grüngurt.

Jeder kann sich sicherlich vorstellen, dass bei mir Bewegungsabläufe länger als normal üblich eingeübt werden müssen, um so ökonomisch arbeiten zu können, dass die maximale HF nicht wesentlich überschritten wird. Versucht es einmal selbst:

Sucht euch einen für euch neuen Bewegungsablauf aus, der euch eine bestimmte HF abverlangt und versucht diesen Ablauf so zu ökonomisieren, dass ihr diesen Ablauf mit einer mindestens 20 Schlägen niedrigeren HF absolvieren könnt.

Nach 9-monatiger Vorbereitungszeit war es dann soweit: Prüfungstag. Mit weiteren fünf Sportkameraden stellte ich mich den Prüfern. Um für alles gerüstet zu sein, war mein Arzt bei der Prüfung mit anwesend, ebenso wie der Notfall-Medikamentenkoffer und der Defibrillator, der einsatzbereit in der Halle bereit stand. Der Brustgurt war angelegt und die Pulsuhr war mit einem akustischen Warnsignal eingestellt, so dass eine Überschreitung der HF sofort angezeigt werden würde. An diesem Tag zeigte die Uhr schon in Ruhe 100 Schläge an, nicht wie sonst üblich 70 Schläge. Dass man selbst in diesem Alter bei Prüfungen noch etwas unruhig ist … Also erst einmal „runterfahren“.

Zuerst fanden die Prüfungen zum Gelb- und Orangegurt statt. Zuschauen beruhigte doch etwas. Letzte Absprachen mit meinem Partner und dann begann die Prüfung mit einer 80-er HF. Nach den Bewegungsformen, der Fallschule und den Bodentechniken zur Demonstration von Wurftechniken im Bereich Komplexaufgaben - mein Partner wog immerhin etwas über 90 kg - piepste die Pulsuhr. Ein kurzer Blickkontakt zum Arzt. Seine Handbewegung war eindeutig: Auszeit.
Nach 2 Minuten war die HF im Bereich um 110 und der Arzt gab wieder grünes Licht. Also weiter ging es. Über die Abwehr-, Atemi-, Hebel-, und Würgetechniken kamen wir zu dem Bereich der Wurftechniken. Hier meldete sich erneut mein „ Pulswächter“ und eine kurze Verschnaufpause sorgte für die notwendige Kreislaufregulierung.

Die Stockanwendungen, die Weiterführungs- und Gegentechniken sowie die freie SV wurden ohne Komplikationen vorgeführt. Im Bereich der freien Anwendungsformen eine allerletzte ärztlich verordnete kurze Ruhephase und dann war es geschafft.

Meine nächsten Ziele?
Na klar, wenn es die Gesundheit zulässt und mein Herz taktvoll mitspielt der Blaugurt, der Braungurt und wenn die SV Gifhorn 2012 sein 100-jähriges Bestehen feiert der Schwarzgurt.

Warum schreibe ich euch das alles?
Ich möchte mit diesem Bericht vor allem von Herzkrankheiten betroffenen Personen Mut machen. Ein kardiales Ereignis, selbst dieser Intensität, muss nicht das Ende aller sportlichen Ambitionen bedeuten. Seht eine auch noch so schwere Erkrankung als Chance zum Neuanfang. Habt den Mut, wie ich als Herzpatient, Euch neuen Herausforderungen zu stellen.
Aber klärt es vorher mit euren Ärzten ab!

Ein ganz besonderer Dank geht an Dr. Michael Renn, der sich die Zeit nahm, bei der Prüfung sein wachsames Auge auf mich zu werfen und der mir allein durch seine Anwesenheit unwahrscheinlich Sicherheit gab. Danke Micha!

Ulrich Seibold